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Als ein Meteorit in Grönland einschlug

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Radarbilder deuten auf eine Katastrophe vor relativ kurzer Zeit hin, die unsere Ahnen erzittern ließ – und vielleicht die Eiszeit zurückbrachte.

Sand, interessant. Kurt Kjaer sammelt Proben vor dem Hiawatha-Gletscher. Sie deuten auf eine gar nicht eisige Episode an dieser…

Anderswo wäre der Krater aus der Vogelperspektive nicht zu übersehen. Zu erkennen wäre eine Mulde mit einem Durchmesser von 31 Kilometern, etwa 320 Meter tief, umrahmt von einer fast kreisrunden Hügelkette. Das Nördlinger Ries im Süden Deutschlands ist auf diese Weise vom Flugzeug aus jedenfalls gut sichtbar, obwohl es weniger tief ist und auch nicht ganz so ausgedehnt.

Doch der Krater, um den es hier geht, liegt unter einer Hunderte Meter dicken Eisschicht in Nordwest-Grönland. Ob er von einem Meteoriteneinschlag stammt wie das Nördlinger Ries, untersuchen Kurt Kjær vom Naturhistorischen Museum der Universität Kopenhagen und seine Kollegen deshalb mit indirekten Methoden. Im Magazin „Science Advances“ berichten sie darüber.


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Ein Hügel in fast einen Kilometer Tiefe

Aufgefallen war ihnen die Mulde 2015 auf Karten der Nasa, deren Forscher das Grönlandeis mit Radar durchleuchtet hatten. „Im Mai 2016 haben wir uns die Struktur dann mit dem neuen Radar an Bord unseres Forschungsflugzeuges ,Polar 6‘ angeschaut, das unter dem Eis viel mehr Details erkennt“, erklärt Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, einer der beteiligten Forscher. Sichtbar wurde nicht nur der fast kreisrunde Rand, sondern in der Mitte auch ein acht Kilometer breiter und rund 50 Meter hoher Hügel mit fünf Gipfeln.

Ähnliche Strukturen finden sich häufig bei Meteoritenkratern. Der Himmelskörper habe sich wohl „fünf bis sieben Kilometer tief in den Untergrund“ gebohrt, sagt Eisen. Eine Schockwelle drückte das Gestein nach allen Seiten weg und schuf eine viele Kilometer messende Hohlform.

Von deren steilen Rändern brachen unmittelbar nach ihrer Entstehung riesige Brocken ab und rasten als Lawinen durch den gerade erst entstandenen Krater. In wenigen Minuten vergrößerte sich der Krater so auf seinen heutigen Durchmesser, wurde aber auch flacher.

Gleichzeitig trafen im Zentrum die von außen kommenden Massen aufeinander und schossen dort wie eine Fontäne aus Gestein in die Höhe. Sie fielen herunter und breiteten sich nach außen aus. Dort trafen sie wieder auf die Lawinen, die noch immer von den Kraterwänden kamen und bildeten so die Gipfel jenes Hügels. So weit die Theorie.

Gold!

Denn noch ist die 50 Meter hohe Wölbung auf den Radarbildern nur ein Indiz für einen Einschlag – und kein Beweis. Weitere Indizien fanden Kjær und seine Kollegen, als sie 2016 und 2017 am nur einen Kilometer vom Rand der Mulde entfernten Gletscherrand Quarzsand untersuchten, der vom Schmelzwasser aus dem Krater ausgeschwemmt worden war.

Darin fanden sie Verformungen und andere Glas-Strukturen, wie sie nur in Gluthitze, also etwa beim Aufprall eines Meteoriten, entstehen. Dazu kam, dass die ausgeschwemmten Sedimente hohe Konzentrationen von Nickel, Kobalt, Chrom und Gold aufwiesen – typisch für einen der seltenen Eisenmeteoriten. „Alle Indizien deuten daher auf einen Meteoritentreffer hin“, erklärt Eisen.

Einen Beweis könnten geplante Bohrungen durch das Eis bis in den Grund des Kraters liefern. Isotopen-Analysen des Materials dort sollten auch noch mehr über den Aufprall verraten, etwa bezüglich des Zeitpunktes des Aufpralls. „Erste Hinweise haben uns bereits die Radardaten vom Krater selbst und von seiner Umgebung gegeben“, berichtet Eisen.

Nur die oberen beiden Drittel des mehr als 900 Meter dicken Gletschers im Krater sähen so wie überall sonst in Grönland aus. Direkt darunter liege ein schmales dunkles Eisband, das nach früheren Analysen rund 12 000 Jahre alt ist. In der Schicht darunter fehlen die sonst für das Grönlandeis typischen Strukturen. Stattdessen scheint sie viel Geröll zu enthalten.

Direkt über dem Felsboden enthält das Eis sehr viel Schutt. „Zusammen genommen lassen diese Daten vermuten, dass der Meteorit vor mindestens 12.000 Jahren einschlug“, erklärt Eisen. „Leider können wir ohne direkte Proben aus dem Krater das maximale Alter nur sehr ungenau eingrenzen.“ Für Klimaforscher aber wäre es besonders interessant, wenn es wirklich vor 12.000 Jahren geschehen wäre.

Zu viel Süßes

Denn zu jener Zeit ging zwar die letzte Eiszeit zu Ende und die Temperaturen waren in Europa schon deutlich gestiegen. Allerdings wurde diese Entwicklung genau damals unterbrochen, und die Kälte der Eiszeit kam für ungefähr ein Jahrtausend nach Europa zurück.

Klimaforscher vermuten schon lange, dass damals riesige Mengen Süßwasser den Golfstrom im Atlantik zum Erliegen brachten, der dem Westen Europas heute noch wie eine Warmwasserheizung ein relativ mildes Klima bringt. Vielleicht stammte dieses Süßwasser zumindest teilweise vom Aufprall eines Eisenmeteoriten, bei dem riesige Mengen des Grönlandeises in Sekundenschnelle verdampften und wenig später als extreme Regenfälle in den Atlantik gelangten.

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