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Kommentar: Europa League II – Der “Wahnsinn” hat einen Namen

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Die Einführung der Europa League II ist für den Fußball kontraproduktiv, denn der Markt ist längst gesättigt. Niemand benötigt den neuen Wettbewerb, meint Jörg Strohschein, der dahinter eher ein Wahlgeschenk sieht.

Eigentlich könnte man ja auch nonchalant darüber hinwegschauen. Ob nun 80 ober aber ab der Saison 2021/22 96 Vereine an den europäischen Wettbewerben teilnehmen, macht den Kohl eigentlich auch nicht mehr fett. Und wenn etwa das bulgarische Team von Beroe Stara Sagora gegen die Rumänen vom FC Viitorul Constanta eine weitere Partie auf europäischer Bühne austragen, ist das sicher kein Gipfeltreffen, auf das die Fußball-Welt gewartet hat. Aber herrje, wer sich den Kick anschauen möchte, der soll es eben machen. Wer es sich also argumentativ so bequem macht, übersieht aber einen entscheidenden Fakt: Es gibt ja ohnehin so gut wie keinen Tag mehr, an dem nicht irgendwo Fußball gespielt und in TV und Internet gezeigt wird. Und genau da liegt das Problem. 

Geringes Interesse

Denn vielen Fans stinkts. Das Besondere ist zum Alltäglichen geworden. Fußball ist immer und überall. Europapokalabende haben längst nicht überall mehr die elektrisierende Aura des Außergewöhnlichen. Wie gering das Interesse an der Gruppenphase der bereits bestehenden Europa League schon jetzt bisweilen ist, wurde zuletzt bei der Partie Bayer 04 Leverkusen gegen Ludogrets Razgrad deutlich. Lediglich rund 16.000 Besucher sorgten für eine nahezu gespentische Atmosphäre in der ohnehin nicht riesigen BayArena. Dass RB-Trainer Ralf Rangnick zuletzt öffentlich bekannte, die Bundesliga habe für ihn deutlich Vorrang vor der Europa League, ließ ebenfalls tief blicken.    

Die bereits eingeführte UEFA Nations League, die von FIFA-Chef Gianni Infantino bevorzugte Reform der Klub-WM von sieben auf 24 Teams, die mögliche Erweiterung der WM-Teilnehmer in Katar 2022 von 32 auf 48 Mannschaften sowie die Idee einer Europaliga mit womöglich 20 Teams beschäftigen die Fußballwelt ohnehin seit Wochen und Monaten. Die erkennbare Absicht dahinter: unendliche Geldvermehrung. 

Haussegen hängt schief

Und daran stören sich viele Fans: Europaweit wird gegen die Kommerzialisierung protestiert. In Deutschland knickte die Liga bereits ein und streicht in Zukunft die unbeliebten Montagsspiele. Und “das Produkt” leidet bereits jetzt: Selbst in der Champions League, der “Cash cow” der UEFA, ist die Gruppenphase nur noch selten spannend. Es sind dort ohnehin gefühlt immer dieselben Teams wie Real Madrid, FC Barcelona, Juventus Turin, FC Bayern und einige Topklubs mehr, die stets und recht mühelos ins Achtelfinale einziehen. Der Faktor Spannung spielt zum Leidwesen vieler Fußball-Fans in dieser Phase eine untergeordnete Rolle.

Die TV-Sender machen die Auswahl ohnehin schwierig, ganz zu Schweigen vom zusätzlich beanspruchten Geldbeutel der Fans für die vielen benötigten Pay-TV-Abos. Und der heimische Hausfrieden dürften in vielen Fällen ebenfalls unter dem großen Fußballkonsum leiden, wenn nach Einführung eines dritten Europapokal-Wettbewerbs bereits am Nachmittag die Glotze flimmert.

Bobic: “Ein absoluter Wahnsinn”

DW-Sportreporter Jörg Strohschein: “Stell’ Dir vor, es ist Fußball und keiner schaut mehr hin.”

Aus Sicht der kleineren europäischen Fußballverbände ist die Einführung einer zweiten Europa League zwar geradezu ein Geschenk, weil sie ihnen die Hoffnung lässt, an den prall gefüllten Geldtöpfen der Uefa zumindest ein wenig statt bisher so gut wie gar nicht zu partizipieren. Doch für die Teams in den großen Ligen ist ein weiterer Wettbewerb “ein absoluter Wahnsinn”, wie es Eintracht Frankfurts Manager Fredi Bobic jüngst formulierte. “Die Fans überlegen sich langsam, zu welchem Spiel sie gehen und zu welchem nicht. Es ist eine Übersättigung da.” Und auch RB-Leipzig-Chef Oliver Mintzlaff bemerkte bereits im März zum Trend der zurückgehenden Zuschauerzahlen in den Stadien: “Es ist durchaus möglich, dass sich die Vielzahl der Wettbewerbe ein Stück weit darauf auswirkt.”

Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Europa League II vor diesem Hintergrund einen Mehrwert für die Klubs und Fußballfans darstellen kann. Sie ist wohl vielmehr ein Wahlgeschenk von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin an die kleinen Verbände, die ihn an die Macht brachten. Ein Klassiker im Handbuch der Fußballfunktionäre. Die Pläne zeigen einmal mehr, dass der Profi-Fußball in einer Parallelwelt lebt, losgelöst von den Interessen der Fans. Der Wahnsinn hat einen Namen: Europa League II. Es wäre an der Zeit, diesem ungezügelten Turbokapitalismus Einhalt zu gebieten. Sonst heißt es irgendwann: Stell’ Dir vor, es ist Fußball und keiner schaut mehr hin.

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