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Julian Gressel kann MLS-Geschichte schreiben

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Julian Gressel wird in der Startelf stehen, wenn Atlanta United im Titel-Finale der MLS gegen die Portland Timbers antritt. Der 24-Jährige hat im Gespräch mit der DW verraten, wie sich sein Leben in der MLS anfühlt.

DW: Julian Gressel, Sie und Ihr Team, Atlanta United, spielen ihr erstes MLS Cup-Finale. Wie bereiten Sie sich darauf vor? 

Julian Gressel: Es ist aufregend. Jeder Spieler möchte mal in der Position sein, um einen Titel zu spielen. Und als ich in die MLS kam, war es von Beginn an mein Ziel, den MLS Cup zu gewinnen. Auf der anderen Seite ist es nur ein weiteres Spiel über 90 Minuten, auf das man sich am Wochenende fokussieren muss. Ich möchte Spaß haben, mich voll vereinnahmen lassen und  den Moment genießen.

Viele junge Amerikaner gehen nach Deutschland um dort Fußball zu spielen. Aber andersherum gehen wenige Deutsche aus diesem Grund in die USA. Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gelangt, den umgekehrten Weg über den College-Fußball zu nehmen? War es eine rein sportliche oder eine Lebensentscheidung?

Es war zuerst und vor allem eine Lebensentscheidung. Ich wollte ein Fußballprofi sein und hätte vielleicht auch eine Chance dazu in Deutschland erhalten. Aber ich wollte gleichzeitig auch Student sein und vorbereitet zu sein, falls der Plan nicht aufgegangen wäre. Diese Möglichkeiten haben ich in Deutschland nicht gesehen. Ich bin hier und mit meiner Entscheidung sehr glücklich.

Julian Gressel spielte in Deutschland nicht höher als in der Regional- und Landesliga

Wie hat sich dieser Schritt auf Ihre Entwicklung als Spieler ausgewirkt?

Ich glaube, dass das meiner Entwicklung einen großen Schub gegeben hat. Ich war immer so etwas wie ein Spätentwickler. Und als ich hierher kam war ich noch nicht so weit, um Profi zu werden. In dem Bewusstsein bin ich drei oder vier Jahr zur Schule recht entspannt gegangen, was den Druck enorm verringert hat. Ich musste mit keine Gedanken darüber machen, ob ich einen Vertrag bekomme. Ich musste nicht dafür kämpfen. Ich konnte mich auf mich und meine Entwicklung fokussieren.

Atlanta United hat einen Zuschauerschnitt von rund 50.000. Die Atmosphäre im Mercedes-Benz-Stadion gilt als eine der besten in der MLS. Lässt sich die Fan-Kultur mit der in Deutschland vergleichen?

In Deutschland geht nicht jeder Fan zu einem Spiel, nur um zu jubeln und sich unterhalten zu lassen.Die Leute gehen in Deutschland auch ins Stadion, um Spaß zu haben, aber auch um zu analysieren und kritisch mit dem eigenen Team zu sein. Hier in den USA geht es den Fans vor allem darum, unterhalten zu werden.

Sie sind nicht der einzige Deutsche, der für Atlanta United spielt. Auch Kevin Kratz, ehemaliger Profi bei Alemannia Aachen und Eintracht Braunschweig, spielt für das Team. Hilft es Ihnen, dass ein sehr erfahrener Landsmann in ihren Reihen steht?

Ja, Kevin und ich sind dicke Freunde geworden, seitdem wir uns hier getroffen haben. Er hat mir geholfen, ein besserer Spieler zu werden. Ich habe unglaublich von dieser Zusammenarbeit profitiert. Es ist übrigens auch schön, hin und wieder deutsch sprechen zu können. 

Sollten Sie beide den Titel gewinnen, sind Sie die berühmtesten Deutschen in der Liga. Oder ist das zu viel Wettbewerb mit Bastian Schweinsteiger?

(lacht…) Das ist hart. Ich meine, Schweinsteiger ist großartig. Und was er erreicht hat in seiner Karriere ist einmalig und ein unglaublicher Erfolg. Aber gleichzeitig wären wir die ersten Deutschen, die den MLS Cup gewinnen würden. Das wäre auch schon speziell.

Apropos Schweinsteiger. Viele Europäer sind der Meinung, dass in der MLS vor allem ältere Stars spielen, die nicht mehr ihre größte Leistungsstärke haben. Atlanta hat das Finale dagegen mit vielen jungen amerikanischen und südamerikanischen Spielern erreicht. Verändert sich die MLS gerade?

Atlanta United und Julian Gressel (2. Reihe, Mitte) feiern den Gewinn der Eastern Conference in der nordamerikanischen MLS

Auf jeden Fall. Es ändert sich in die Richtung, die wir hier (in Atlanta) eingeschlagen haben. Wir haben viele junge südamerikanische Spieler, die noch lange nicht am Ende ihrer Karriere stehen. Viele Jungs kommen hier mit großen Ambitionen her, um womöglich den nächsten Schritt zu machen, um irgendwann in Europa zu spielen.

Andre Pirlo zum Beispiel hat nicht hier gespielt (bei New York City FC), weil er nicht mehr gut genug war für Europa. Es gibt immer Stars, die hier spielen wollen wie Zlatan Ibrahimovic oder Wayne Rooney, die zur Entwicklung beitragen können und dies auch machen. Diese Stars, die immer noch in die Liga kommen, müssen hier weiterhin auf hohem Level spielen und müssen zeigen, dass sie dazu auch in der Lage sind.

Natürlich liegt ihr aktueller Fokus auf dem Finale. Aber haben Sie auch schon einmal darüber nachgedacht, künftig wieder nach Deutschland zurück zu kehren und Ihre Karriere hier weiter zu verfolgen?

Man weiß ja nie, was in einer Fußballkarriere passiert. Mein Vertrag läuft hier noch zwei weitere Jahre und ich bin offen dafür, einen weiteren Vertrag zu unterzeichnen. Auf der anderen Seite bin ich in Deutschland, mit der Bundesliga, aufgewachsen. Wenn es also die richtige Gelegenheit gäbe, könnte ich mir auch gut vorstellen, zurück zu gehen und einen Versuch zu wagen.

Julian Gressel (24) hat die Jugendakademie von Greuther Fürth durchlaufen und spielte danach bei Eintracht Bamberg in der vierten, der Regionalliga Bayern. Im Jahr 2013 wechselte er in die Vereinigten Staaten von Amerika, um für das Providence College zu spielen. Der deutsche Mittelfeldspieler wurde als achter Spieler bei den 2017 MLS Super Drafts ausgewählt und wechselte zum Perspektivteam von Atlanta United. Gressel gelangen in seiner ersten Saison fünf Tore und neun Vorlagen, was ihm dem Titel MLS-Nachwuchsstar des Jahres 2017 einbrachte. Gressel trifft mit seinen Atlanta United am 8. Dezember im MLS-Meisterschaftsfinale auf die Portland Timbers.

Das Interview führte David Braneck.

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